Vernichtung von unersetzlichem Kulturgut

In der Gemarkung Quedlinburg existieren noch zwei Jahrhunderte alte Feldstraßen. die mit Granitsteinen gepflastert sind. Die eine führt nach Wegeleben und beginnt im Gröpern, die andere fängt am Zapfenbach unterhalb des Lehofs an und führt nach Ditfurt.
Bis vor einiger Zeit haben diese historischen Straßen alle Versuche überstanden, sie zu glätten und zu beseitigen.
Seit mehr als zehn Jahren setzte sich der Bauausschuss der Stadt Quedlinburg dafür ein, dass die Sandabfuhr über eine dieser Straßen erfolgt. ohne dass sie in eine Beton- oder Asphaltpiste verwandelt wird. Darüber haben sich zwar einige Benutzer dieser Straßen geärgert, z.B. Landwirte, Kipperfahrer oder ganz normale Autofahrer, aber letzten Endes gab es ein Einsehen für den Erhalt dieser alten Zeitzeugnisse.
Nun ist es doch gelungen, diese schon fast einmaligen Feldstraßen zu vernichten. Im Rahmen der Linienführung der B6n wurde ein Flurneuordnungsverfahren durchgeführt, dass auch die betonisierte Aufrüstung vieler Feldwege und alter Landstraßen beinhaltet. Nachdem der Wegelebener Weg bereits im letzten Spätherbst ab Brücke Zapfenhach vom historischen Pflaster befreit und mit Betonplatten ausgelegt wurde, trifft es Anfang Juni 2009 den Ditfurter Weg. Vom Abzweig Kontiki, vorbei am Lehof bis zur Überquerung der Bundesstraße ist das Granitpflaster bereits für immer verschwunden. Bald werden uns hier glatte Betonplatten erfreuen. Der noch sehr gut erhaltene, auf Gewölbe gepflasterte Teil durch die sogenannte „Hohle“ bis zur Zapfenbachbrücke existiert zwar noch. soll aber demnächst mit einer Schwarzdecke überzogen werden.

Am 4. Juni stellte ich dazu meine Fragen im Bauausschuss an den Bauverwaltungsamtsleiter der Stadt, Volker Pethe. Zusammen mit Vertretern der Bauernschaft und anderen Behörden hat er diese „Maßnahme“ abgesegnet. Lapidar erklärte er dem vollkommen unwissenden Ausschuss, dass dieser Umbau in einem gesonderten Verfahren in Zusammenhang mit dem Proiekt B6n erfolgt sei.
Wichtig: Die obere und untere Denkmalschutzbehörde haben zugestimmt! Es gab eine Auslegung des Vorhabens im letzten Jahr 2008, dass leider von allen Quedlinburgern verschlafen wurde. „Nun ist es zu spät“, sagte der Bauverwaltungsamtsleiter.
Danke, Herr Pethe!

Mich hat dieses Benehmen sehr verärgert! Formal hat Herr Pethe zwar Recht, aber einen wahren Bezug zur Historie unserer Stadt sehe ich bei keinem der Beteiligten mehr. Für mich ist eine historische, mit längst vergessenem Know-how gebaute Straße, über die ich als Kind unzählige Male zum Lehof gelaufen bin, genau so wertvoll wie viele hoch gepriesene Kulturdenkmäler in unserer Stadt. Und wenn keiner in das Bauamt geht und hinschaut, dann wäre es die verdammte Pflicht der dort Beschäftigten, so einen Fall auf den Tisch des Ausschusses zu legen! Aber das ist wohl aus der Mode geraten. Man freut sich eher, wenn es keiner merkt …

Ich hin der festen Überzeugung. dass es allerhöchste Zeit ist, einigen Verantwortlichen wieder mehr auf die Finger zu schauen. Immer nur aus Schaden klug zu werden, ist eine deprimierende Erfahrung und macht extrem politikmüde. Wir vom Bürgerforum haben uns jedenfalls vorgenommen, ab sofort alle Projekte, auch wenn sie nur die Feldwegsteine betreffen, in Zukunft nicht mehr aus den Augen zu lassen.

Christian Amling

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