In diesem Frühjahr häufen sich Anfragen von Einwohnern, warum denn an vielen Stellen in Quedlinburg so viele augenscheinlich gesunde Bäume gefällt oder bis zur Unkenntlichkeit gestutzt wurden. Die MZ berichtete am 7. April über einen besonders markanten Einzelfall unter der Überschrift „Zum Tode verurteilt“: 150 Jahre alte Esche in Quedlinburg ist jetzt Fall fürs Amt“.
Hier die Antwort auf eine Anfrage, die wir an die Stadtverwaltung gestellt haben:
Die Aussagen bzgl. der „Verkehrssicherheit“ kann man sicherlich hinterfragen. Es entsteht der Eindruck, dass hier möglicherweise vorsichtshalber etwas mehr abgeholzt wird, als vielleicht nötig wäre. Aber dieser Eindruck kann auch subjektiv sein.
Im Übrigen klingt der typisch amtsdeutsche Ausdruck „entnehmen“ für das Abholzen bzw. Fällen von Bäumen für mich verwirrend und lenkt davon ab, dass jeder vernichtete Baum oder Busch im öffentlichen Raum ein Verlust an Lebensqualität und Zukunftssicherheit ist, und das Fällen von Bäumen immer nur das letzte Mittel der Wahl sein darf.
Auch die Aussagen zu den „differenzierten Einzelfallentscheidungen zum Nachpflanzen“ machen mir Sorge. Vielmehr müssen wir so schnell wie möglich sehr für viel mehr Stadtgrün in den Städten sorgen, um den immer gesundheitsschädlicheren Folgen des nach wie vor ungebremsten Klimawandels entgegenzuwirken. Wenn wir das nicht tun, dann werden Hitze und Trockenheit die Quedlinburger Innenstadt in einigen Jahren aussterben lassen. Dann sind alle Bemühungen, die historische Innenstadt zu beleben, zum Scheitern verurteilt.
Seit den 1950er Jahren hat sich die Zahl der Hitzetage in Deutschland verdreifacht, was das Risiko für hitzebedingte Todesfälle erhöht. Für 2023 und 2024 gab es nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts jeweils etwa 3.000 Hitzetote in Deutschland, also zusammen rund 6.000 in zwei Jahren – Tendenz steigend. Siehe hierzu auch Statista: Prozentuale Veränderung der hitzebedingten Todesfälle¹ in Deutschland im Zeitraum 2006 bis 2019.
Also lautet der Auftrag: Schneller und mehr Bäume pflanzen! Hier müssen Ziele und Werte neu abgewogen werden. Der Denkmalschutz beispielsweise darf, so wichtig er auch ist, nicht höher bewertet werden als die Gesundheit der Bevölkerung.
Ansonsten zeigen uns die Aussagen zu Baumkrankheiten und -Schäden in der Antwort der Stadtverwaltung auch, wie sehr die Bäume und die ganze Natur unter dem zunehmenden Hitzestress und auch der Verkehrsbelastung durch Feinstaub und Abgase leiden. So betrachtet haben wir selbst auch einen erheblichen Anteil am Fällen der Bäume.
Vielleicht sollten wir uns mehr als bisher fragen, warum wir einerseits um jeden gefällten Baum weinen, aber andererseits weiterhin am Verbrennen fossiler Energieträger festhalten. Das widersprüchliche und letztlich inkonsequente Verhalten derer, die Vögel vor Windrädern schützen, aber nicht auf Gas, Kohle und Diesel verzichten wollen, ist hier kaum nachvollziehbar.
Bleibt festzustellen, dass jeder gefällte Baum für uns eine Mahnung zu Vernunft und Verantwortung sein sollte.
Wir werden uns im Stadtrat dafür engagieren, dass die Begrünung der Quedlinburger Innenstadt ein zentrales Thema wird und sichtbar Fahrt aufnimmt.
