Nachhaltige Arbeitsplätze ja – und nun? (Plädoyer für ungewöhnliche Geschäfte in der Stadt)

0,5%,

so groß war 2017 das Risiko, in Deutschland als Selbständiger zu scheitern. Nachzulesen für jedermann im Statistischen Jahrbuch, indem man die Anzahl der Unternehmen mit den Insolvenzanmeldungen vergleicht. Und zieht man davon noch die ab, die aus Alters-, Gesundheitsgründen und wegen eigener Dummheit aufgeben mussten, erhöht sich die eigentliche Erfolgswahrscheinlichkeit wohl noch auf 99,7 % und mehr. (Die „Renner“ für Letzteres aus meinen 43 Berufsjahren als Wirtschaftsanwalt: Neben dem 70.000 €-Auto auf „Pump“ ohne(!) Einnahmenaussichten die Meinung „Was ich in der Kasse habe, kann ich verjubeln.“ Oft habe ich nicht glauben können, was mir da erzählt wurde.)

Warum steht die Erfolgswahrscheinlichkeit von über 99% hier gleich am Anfang? Das „Bürgerforum Quedlinburg“ hat sich als Hauptziel nachhaltige Arbeitsplätze für unsere Stadt auf die Fahnen geschrieben. Das funktioniert nun mal nicht ohne die Selbständigen, die sie anbieten, denn statistisch schafft jeder Gründer 5 neue Arbeitsplätze. Mit „nachhaltig“ ist zweifellos gemeint, dass sie langlebig sind, weil sie in das Flair, die Lebensbedingungen und die ökonomische und ökologische Struktur unserer Stadt passen. Also hauptsächlich im touristischen Umfeld angesiedelt sind. Will heißen: Für nachhaltige Arbeitsplätze braucht es neue Unternehmer im Stadtgebiet, die das begriffen haben und kein leerstehendes Industriegebiet in Warteposition in der Feldflur. Die Angst vor einem Scheitern ist aber in unserer Umgebung völlig unrealistisch zu einem riesigen Verhinderungsmonster „aufgepumpt“ worden. Da muss zuerst einmal „die Luft raus“. Es muss den potenziell Geeigneten der Rücken gestärkt werden, indem die „hosen-schlotternde“ Erwartungsangst „Und wenn´s dann schief geht???“ auf den Boden der Wirklichkeit gestellt wird. Die taugt bei Tageslicht nämlich nix!!

Als Nächstes braucht es Anbieter, die aus der erkennbar einseitigen Entwicklung der Wirtschaftsstruktur unserer Stadt bewusst herausragen wollen, indem sie Neues und Anderes aufbauen – z.B. auch als Zuverdienst von Alleinstehenden. Leistungen, die vor allem Gäste länger in der Stadt halten und keine unsinnige Konkurrenz für die schon vorhandenen Anbieter aufbauen. Um das zu finden, muss man ein Stück „über den Tellerrand“ schauen und nicht nur nachmachen, was andere schon x-mal vorgemacht haben. Dazu will ich gern mein Wissen in die Waagschale werfen, das sich in Jahrzehnten angesammelt hat.

Nach 28 Jahren in der Stadt war ich ab 2002 für 15 Jahre „in der Fremde“ – beruflich regelmäßig auch außerhalb Europas. Ungezählte Male habe ich vor größeren und kleineren Unternehmen gestanden und habe gedacht: „Scharfe Idee! Warum macht das in Quedlinburg keiner?“ und habe sie mir zuerst einmal gemerkt, denn was dort gut läuft, müsste ja eigentlich auch in Deutschland funktionieren. Manches aus dieser Datensammlung wurde schon für Mandanten, denen ich zu neuen geschäftlichen Wegen geholfen habe, verwendet. Der Großteil wartet aber immer noch auf diejenigen, die es umsetzen wollen. In der Schublade sollen diese Chancen natürlich nicht bleiben. Davon eignen sich z.Zt. rund 80 Geschäftsideen für Quedlinburg, welche auch in der gesamten Umgebung völlig unbekannt sind. Auch wenn einige davon für eine Neuorientierung oder Erweiterung schon vorhandener Geschäfte in unserer Stadt taugen, werden für die meisten wohl Neuanfänger nötig sein. Neuanfänger/-innen, die es ernst meinen. Die ihrer „Angst vor dem Abstieg“ oder wenigstens dem Stress mit ihren heutigen Arbeitsbedingungen mit Aktivität in einem eigenen Geschäft begegnen wollen, das zu 99,7% bis zum Lebensende bestehen wird.

Das ist aber nur dann zu gewährleisten, wenn sich der Neuanfang gesund entwickelt. Es muss also ein „Sicherheitsnetz“ existieren, damit Neulinge allein nicht gleich wieder über ihre eigenen Anfängerfehler stolpern.  Dafür taugt eine schon an anderer Stelle erfolgreiche Plattform für die privaten und beruflichen Belange von Unternehmern, die Anfänger nicht allein lässt, ohne ihre Eigenständigkeit zu beschneiden. Die für Quedlinburg angepasste Version findet man auf der Informationswebseite www.oldno.de. OldNo (also „Nicht-zu-alt“) deshalb, weil man nie zu alt für einen neuen Lebensweg ist.

Wie kann es nun weitergehen, damit idealerweise in den nächsten 10 Jahren immer Quedlinburger/-innen deutsche Gründerpreise erhalten? Wir Quedlinburger müssen – auch in der weiteren Umgebung – klarmachen, dass in dieser Stadt wegen ihrer geschichtlichen Bedeutung und ihrer Bausubstanz weit mehr Erfolgschancen stecken, als anderswo. Mit ihr können nun mal (sorry, Nachbarn!) weder Wernigerode, Goslar oder andere niedersächsische Fachwerkstädte mithalten. Selbst das zweifellos sehr schöne Rothenburg ob der Tauber hat nicht gleich mehrere deutsche Kaiser und Könige in seiner Geschichte als Magnet zu bieten! Allein in dieser Welterbe-Aura der Geschichte unserer Stadt stecken noch viele ungenutzte Geschäftsideen mit hohem Umsatzpotenzial, für die neue Betreiber sensibilisiert werden müssen. Dazu kommen dann noch weitere Themen. Dabei müssen wir aber darauf achten, dass unser Welterbe-Status nicht beschädigt wird. Zu diesem Zweck hat die Plattform „OldNo“ auch eine Kontrollfunktion beim Inhalt neuer Angebote, damit unsere Stadt sich nicht zum bunten Plastik-Disneyland entwickelt. Unser aller Ziel kann also nur sein, Quedlinburg bei Unternehmern als einen Standort bekannt zu machen, wo ausschließlich(!) touristisch anspruchsvolle Geschäftsideen umgesetzt werden können. Erfahrungsgemäß löst das dann eine „Kettenreaktion“ von Zulieferern aus. Diesen Prozess können wir nur gemeinsam anschieben. Auch jeder Bürger in der eigenen Umgebung! Neben der Wirtschaftsförderung in der Stadtverwaltung ist dafür das Bürgerforum (http://buergerforum-qlb.de) wegen seiner Zielsetzung eine der wichtigsten Akteure in der Stadt. Wenn also aus dem Ziel „nachhaltige Arbeitsplätze“ etwas werden soll, müssen wir eigentlich nur alle gemeinsam

ständig für die wirtschaftliche Möglichkeiten in unserer Stadt „die Trommel rühren“ – ansprechbar sein – informieren – anpacken.

Wenn wir es nicht selbst machen, wer sonst?

Artur Garke

(Garke@euct.net, www.euct.net, www.oldno.de)

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