Mehr Realismus bitte!

(Wider die Vorstellung, ein Industriegebiet wäre ein „Lockvogel“)

Gerade nach 15 Jahren wieder in meine Wahlheimat Quedlinburg zurückgekommen, traue ich meinen Augen nicht, wenn ich von der Diskussion zum Industriegebiet Quarmbeck lese. Als Wirtschaftsanwalt habe ich seit Jahrzehnten regelmäßig mit großen und kleinen Investoren zu tun. Ich kenne nicht einen einzigen, der sich nur deshalb zu einem Standort entschieden hätte, weil dort ein Industriegebiet ausgewiesen war. Investoren reisen auch nicht herum, um sich irgendwo anlocken zu lassen. Nicht nur in Deutschland haben sich Städte und Gemeinden angesichts ihrer nach 20 Jahren immer noch nicht ausgelasteten Gewerbegebiete längst von dieser unrealistischen Vorstellung verabschiedet. Aber bei uns hält sie sich anscheinend immer noch hartnäckig. Ich könnte das ja nachvollziehen, wenn bei der Wirtschaftsförderung die Investoren Schlange stünden, nur um einen Standort zwischen Groß Orden und der unteren Süderstadt zu bekommen. Da dem nicht so ist, frage ich mich, woher die Befürworter einer weiteren Fläche 3 km weiter draußen in der Feldflur ihren Optimismus nehmen.Dass die „Denke“ von Investoren völlig anders ist und insbesondere die Entscheidung einer Stadt, -zigtausende an Steuergeldern für Derartiges aufzuwenden, einer gänzlich anderen Reihenfolge unterliegen muss, mögen 2 Beispiele erhellen:

Anfang der 2000-er Jahre ging einer der weltgrößten Hersteller von Kurbelwellen – Feuer Powertrain – nicht deshalb nach Nordhausen, weil ein Gewerbegebiet existierte. Sondern zuerst einmal deswegen, weil aus dem abgewickelten ehemaligen Ifa-Motorenwerk hochqualifizierte Ingenieure und Zerspaner vorhanden waren. Er zog auch nicht in ein vorhandenes Industriegebiet, sondern kaufte stattdessen das Werksgelände eines weiteren früheren VEBs im Stadtgebiet.

Einer der erfolgreichsten Unternehmer Deutschlands – Martin Herrenknecht – begann als einfacher Fachschul-Ingenieur vor ca. 35 Jahren als Ingenieurbüro in einer Kleinstadt im Badischen mit der simplen Frage: „Ließen sich nicht wochenlange Straßensperren ersparen, indem durch einen Hang gebohrt wird wie mit einer Bohrmaschine?“ Aber erst nachdem 10 Jahre später das alte Firmengelände in der Innenstadt zu klein wurde, um Tunnelvortriebsmaschinen von 15 m Höhe und 150 m Länge zu bauen, wurde extra für die Bedürfnisse dieses neuen Weltunternehmens ein Industriegebiet an strategisch günstiger Stelle zwischen A 5 und Rhein ausgewiesen, das dann auch noch in kürzester Zeit durch Zulieferer u.ä. ausgelastet war.

Was lehren diese Beispiele?

  1. Industrielle Investoren brauchen zu allererst einmal einen Standort mit qualifiziertem Personal. Ist das nicht vorhanden, wird niemand kommen.
  2. Bevor über ein teures Industriegebiet beschlossen wird, muss dessen Grundauslastung nachgewiesen sein. Ist das nicht der Fall, macht sich jeder Abgeordnete der Steuerverschwendung mitschuldig, einschließlich des Unmuts seiner Wähler.
  3. Die Vorstellung, da streiften durch Deutschland irgendwelche Investoren – und noch dazu „große“!! – auf der Suche nach dem schmackhaftesten Standort herum, ist schlichtweg weltfremd.

Sehen wir also die Situation unserer Stadt realistisch: Das qualifizierte Personal der früheren Industrieeinheiten der Stadt ist nach fast 30 Jahren in alle Winde zerstreut. Mit wenigen Ausnahmen ist Quedlinburg kein Industriestandort mehr. Stattdessen ist seine touristische Bedeutung exponentiell gewachsen. Das wird auch so weitergehen, denn seit Jahren nimmt der Trend nach Urlaub im Inland zu. Neuerdings auch noch ein Bedürfnis nach „Heimat-erleben“. Die Schlussfolgerung liegt also auf der Hand:

Nüchtern betrachtet kann das Pfund, mit dem Quedlinburg wuchern kann, nur seine einzigartige Bausubstanz und historische Bedeutung, also der Tourismus sein. Wir müssen uns immer wieder vor Augen halten, dass wir mit einem Alleinstellungsmerkmal beschenkt sind, bei dem nur wenige Städte Deutschlands mithalten können!! So etwas lässt sich eben nicht kopieren! Mittlerweile kommen Besucher zum „Advent in den Höfen“ aus 500 km Entfernung. Es wäre also selbstmörderisch, dieses Alleinstellungsmerkmal mit 2 – 3 einzelnen Blechbauten sowie einem Unkrautparadies in Quarmbeck untergraben zu wollen. Ist das wirklich gewollt? Darüber hinaus kann in anderen auf diesem Gebiet erfolgreichen Regionen jeder besichtigen, dass Tourismus eine Kettenreaktion von neuen Anbietern und Zulieferern auslöst. Dafür braucht man kein weiteres Gewerbegebiet. Weite Teile unserer Stadt sind ein Flickenteppich von ungenutzten Gewerbeflächen. Und ich kenne aus anderen Regionen und Nachbarländern eine Vielzahl von erfolgreichen touristischen Geschäftsideen, um die sich hier anscheinend niemand kümmert. Das sind zwar alles relativ kleine Unternehmen, die aber zusammen höchstwahrscheinlich mehr Arbeitskräfte, Einkommen und Steuereinnahmen schaffen, als ein hoch automatisierter „Großanbieter“ mit Hauptsitz in einem Steuerparadies, der auch schnell mal den Standort nach Osten verlagert, wenn die Fördermittel verbraucht sind. In Zeiten der Globalisierung ist die Stadt deshalb weit besser beraten, wenn sie auf etwas Neues setzt, das aber fest an die Region gebunden ist und ganz nebenbei auch noch die innere Struktur der Stadt verbessert. Die Rechnung ist doch bekannt: Jeder neue Gewerbetreibende schafft statistisch im Durchschnitt 5 neue Arbeitsplätze.

Was soll also die Geldverschwendung für einen „Futterplatz“ in Quarmbeck, den wohl kein Vogel anfliegen wird???

Artur Garke (Garke@euct.net)

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Ein Kommentar zu Mehr Realismus bitte!

  1. Bernd Münch sagt:

    Ich bin im Außendienst für ein Maschinenbauunternehmen in der halben Bundesrepublik unerwegs .
    Daher kann ich den im Beitrag von Hr.Garke angeführten realistischen Argumenten aus eigener Erfahrung nur zustimmen.
    Das Beispiel Feuer-Powertrain /Nordhausen kenne ich genauso wie geschildert aus meiner Tätigkeit und lässt sich locker um einige Beispiele erweitern.
    So z.Bsp. aus dem Raum Attendorn (Sauerland)aus Klipphausen,Ottendorf,Niederau (alles bei Dresden).
    Auch Beispiele zu den Großanbietern die nach Fördermittelverbrauch weiterziehen lassen sich aufzählen . Braucht man nur in Kamp-Lintfort nachfragen. Oder in einem Quedlinburger Unternehmen die für Phillips produziert haben und in Chemnitz , wie sich Husky (ein Unternehmen aus der Kunststoffverarbeitung) verhalten hat. Aber auch bei den „Großen“ gibt es nicht nur „schwarze Schafe“. In Ilsenburg kann man es sehen.
    Aber Punkt eins der Ausführung von Hr.Garke ist der entscheidende Punkt .
    Daraus kann man auch ableiten , das Bildungseinrichtungen (gute Schulen, Berufskolleg,Fachhochschulen, an industrieelle Träger gebundene Einrichtungen u.Ä.), neben dem Tourismusgewerbe ein Ansatz wäre um Quedlinburg interessante Arbeitsplätze und folglich Einnahmen zu verschaffen . Das Beherbergungs- und Bwewirtungsgewerbe würde automatisch profitieren.

    Bernd Münch (Bürger in Quedlinburg)

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